So erhöhen Sie Ihre Stresskompetenz

Lesen Sie, was Stress ist, was er mit Ihnen macht und was Sie tun können, um schnell wieder runter von der sprich-wörtlichen Palme zu kommen. Oder besser noch: gar nicht erst rauf.

Alles ist stressig! Kennen Sie das?

Sie fragen jemanden „Wie geht’s dir so?“ und bekommen postwendend zurück „Meine Güte, ich bin ja so gestresst.“ Oder Sie erzählen von hartnäckigen Magenbeschwerden, die Sie seit einiger Zeit haben, und bekommen die Diagnose „Das liegt bestimmt am Stress.“ Stress ist heute allgegenwärtig. So sehr, dass manche Menschen ständig gestresst sind. Dabei ist der Begriff in seiner heutigen Bedeutung gerade mal hundert Jahre alt. Der US-amerikanische Physiologe Walter Cannon verwendete ihn 1914 erstmals in Bezug auf Alarmsituationen. In der Werkstoffkunde bezeichnet Stress die Veränderung eines Materials durch äußere Krafteinwirkung. Im Alltagssprachgebrauch interessiert das kaum. Stress ist fast überall – im Job, in Familie und Partnerschaft, ja sogar in der Freizeit. Gestresst zu sein, so scheint es, gehört mitunter zum guten Ton. Als eine Art „Statussymbol“, das eigene Wichtigkeit und Anerkennung von anderen verspricht.

Wie entsteht Stress?

Theorien und Modelle zum Stress gibt’s eine ganze Menge. Auf sie im Detail einzugehen, wäre – nun ja – stressig. Deshalb bleiben wir bei den Basics: Stress entsteht durch ein Zusammenspiel von äußeren wie inneren Faktoren. Er äußert sich physisch wie psychisch. Zu lange zu viel Stress erschöpft und macht krank. Einen guten Überblick gibt die sogenannte Stressampel. Danach lassen sich bei einem akuten Stressgeschehen immer drei Ebenen unterscheiden:
  • Die äußeren Bedingungen und Situationen, die Stressoren genannt werden.
  • Die körperliche und psychische Stressreaktionen des Organismus.
  • Individuelle, erlernte und übernommene Einstellungen und Bewertungen, mit denen ein Individuum an eine Situation herangeht. Diese persönlichen Stressverstärker entscheiden oft darüber, wie stark die Stressreaktion ausfällt.

Welche Faktoren verursachen Stress am Arbeitsplatz?

Wissenschaftler der Stanford Universität und der Harvard Business School haben insgesamt 288 Studien analysiert. Dabei haben sie die 11 Stressoren entdeckt, die in den USA für die meisten arbeitsbedingten Krankheits- und Todesfälle verantwortlich sind. Diese sind zum größten Teil auch auf Deutschland übertragbar. Einer der wichtigsten Stressoren für die Arbeitnehmer in USA fällt hier allerdings weg, die fehlende Krankenversicherung. Auch das Passivrauchen hat in Deutschland seit dem Nichtraucherschutzgesetz wahrscheinlich weniger Bedeutung als in Amerika. Die verbleibenden 9 Stressoren werden auch bei Studien in Deutschland immer wieder als Belastungen eingestuft, die physische bzw. psychische Folgeschäden verursachen können. Hierbei handelt es sich um:
  • Leistungsdruck
  • Überstunden
  • Geringen sozialen Rückhalt am Arbeitsplatz
  • Das Gefühl der Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz
  • Schichtarbeit
  • Schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • Jobunsicherheit
  • Das Gefühl des Kontrollverlustes im Job sowie
  • Arbeitslosigkeit

Wie reagiert unser Körper auf Stress?

Im Stress legt der Körper den Turbo ein. Die körperliche Stressreaktion umfasst eine Vielzahl von Prozessen, die insgesamt zu einer Aktivierung und Energiemobilisierung führen. Als erster untersuchte das der österreichischkanadische Mediziner und Biochemiker Hans Seyle. Er gilt heute als Begründer der modernen Stressforschung und bezeichnete die Stressreaktion als Allgemeines Anpassungssyndrom (AAS). Im Rahmen dessen reagiert der Körper auf eine Belastung und stellt sich an diese ein.

Macht Stress krank?

Schaltet der Körper im Stress in den Turbo, ist das alleine noch nicht gesundheitsgefährdend. Unter der Voraussetzung allerdings, dass die Aktivierung kurzfristig ist und immer wieder von Phasen der Entspannung abgelöst wird. Dieser stete Wechsel ist ja ein positives Kennzeichen allen Lebendigen. Wie beim Herzschlag zum Beispiel oder der Atmung. Hinzu kommt: Aktivierung kann subjektiv als angenehm und lustvoll erlebt werden, als leistungssteigernd und motivierend.

Stresskompetenz – Das können Sie tun

Nach dem Modell der Stressampel zeigt sich das Stressgeschehen auf verschiedenen Ebenen. Wenn es nun darum geht, einen konstruktiven Umgang mit dem Stress zu finden, lässt es sich auf eben diesen Ebenen ansetzen. Man spricht hier auch von instrumenteller, mentaler und regenerativer Stresskompetenz.
  • Instrumentelle Stresskompetenz: den Alltag gestalten
  • Mentale Stresskompetenz: Einstellungen und Bewertungen ändern
  • Regenerative Stresskompetenz: Erholen und Entspannen
 

Den Alltag gestalten

Zum Beispiel:
  • Fachliche Kompetenzen erweitern (Information, Fortbildung, kollegialer Austausch)
  • Organisatorische Verbesserungen (Aufgabenverteilung, Ablaufplanung, Ablagesysteme etc.)
  • Selbstmanagement: persönliche Arbeitsorganisation optimieren (klare Definition von Prioritäten, realistische Zeitplanung, Delegation)
  • Sozialkommunikative Kompetenzen entwickeln (anderen Grenzen setzen, häufiger „Nein“, „Ohne mich“, „Jetzt nicht“ sagen, sich aussprechen, Klärungsgespräche führen)
  • Unterstützung suchen (Netzwerk aufbauen, sich helfen lassen)
  • Problemlösekompetenzen entwickeln
 

Einstellungen und Bewertungen ändern

Beispiele:
  • Perfektionistische Leistungsansprüche kritisch überprüfen und eigene Leistungsgrenzen akzeptieren
  • Schwierigkeiten als Herausforderung sehen
  • Sich mit alltäglichen Aufgaben weniger persönlich identifizieren, mehr innere Distanz wahren
  • Den Blick für das „Wesentliche“ bewahren
  • Sich des Positiven bewusst werden und dafür dankbar sein
  • Unangenehme Gefühle loslassen
  • Die Realität akzeptieren
  • Sich selbst weniger wichtig nehmen
 

Erholen und entspannen

Dies kann beispielsweise geschehen durch:
  • regelmäßiges Praktizieren einer Entspannungstechnik
  • regelmäßige Bewegung
  • eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung
  • Pflege außerberuflicher sozialer Kontakte
  • regelmäßiger Ausgleich durch Hobbys und Freizeitaktivitäten
  • die kleinen Dinge des Alltags genießen
  • ausreichender Schlaf
  • Tagesablauf mit ausreichenden kleinen Pausen zwischendurch

Die 4A-Strategie für den Notfall

Stressvorbeugung ist hilfreich und gut. Was aber passiert, wenn die Belastung plötzlich kommt oder sich nicht voraussehen lässt? In diesen Situationen braucht es eine Strategie, die im Moment hilft – und langfristig die Stresskompetenz erhöht.

Annehmen

Die Situation so akzeptieren, wie sie ist – als Teil meines Jobs, als Teil meines Lebens. Ärger, Vorwürfe und Schuldgefühle helfen ebenso wenig weiter wie Weggucken und Nichtwahrhaben-Wollen. Annehmen der Situation beinhaltet zweierlei:
  1. Das möglichst frühzeitige Wahrnehmen von Stresssignalen und
  2. eine klare und bewusste Entscheidung für das Annehmen (und damit gegen das Hadern mit der Realität).
 

Abkühlen

Überschießende Erregung in einer akuten Stresssituation in den Griff bekommen. Sich sammeln, die eigene Mitte (wieder) finden, Bodenhaftung und einen klaren Kopf bewahren. Wie kann das gelingen? Wichtig ist auch wieder die bewusste Entscheidung für das Abkühlen (und damit gegen das Hineinsteigern in die Erregung). Manchmal reicht bereits ein bewusstes, verlängertes Ausatmen. In anderen Situationen sind kurze Entspannungs- oder Bewegungsübungen hilfreich.  

Analysieren

Sich einen kurzen Moment Zeit nehmen, um zu einer bewussten und schnellen Einschätzung eigener Handlungsmöglichkeiten zu kommen.  

Ablenkung oder Aktion

Je nach Ergebnis der Analyse geht es hier entweder um Ablenkung von der Situation oder um gezielte Veränderung der Situation. Ablenkung kann beispielsweise geschehen durch Musik, Lesen, angenehme Gedanken, Beobachtung anderer Menschen usw. Direkte Aktionen können beispielsweise darin bestehen, Grenzen zu ziehen und „Nein“ zu sagen, Aufgaben zu delegieren, Unterstützung zu suchen oder kurzfristig Termine umzulegen.
Quellenangaben: Kaluza, G. (2011). Stressbewältigung. Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag GmbH haufe.de  

Resilienz – Wie Sie Ihre innere Widerstandskraft stärken

Kennen Sie das? Manche Menschen trifft das Leben wirklich hart. Sie werden immer wieder von Schicksalsschlägen gebeutelt. Sie stolpern, fallen – und stehen wieder auf. In vielen Fällen sogar stärker und selbstbewusster als zuvor. Andere Menschen werfen vermeintliche Kleinigkeiten aus der Bahn. Woran liegt das und was macht den Unterschied? Resilienz ist ein entscheidender Faktor. Heute widmen wir uns diesen „Stehaufmännchen-Qualitäten“.

Was ist Resilienz?

Der Begriff Resilienz kommt ursprünglich aus der Physik. In der Werkstoffkunde bezeichnet er die Fähigkeit eines Werkstoffs, sich verformen zu lassen und dann in die ursprüngliche Form zurückzufinden. engl. Resilience – Elastizität, Spannkraft lat. resilire – zurückspringen, abprallen deutsch – Widerstandskraft Im übertragenen Sinne steht Resilienz auch für die psychische Widerstandskraft. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, sich trotz widriger Umstände, trotz Niederlagen, Kümmernissen und Krankheiten, immer wieder zu fangen und neu aufzurichten.

Was ist Resilienz nicht?

Eine „Teflonbeschichtung“ gegen Stress, Krisen und Traumata. Niemand ist immun gegen das Leben. Ein Selbstläufer Eine Burnout-Prophylaxe

Grundlagen der Resilienz-Forschung

Die Forscherin Emmy Werner und ihr Team begleiteten über 40 Jahre lang knapp 700 Kinder, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren wurden. Knapp ein Drittel dieser Kinder wuchsen unter äußerst schwierigen Verhältnissen auf: Armut, Krankheit der Eltern, Vernachlässigung, Gewalt in der Familie, Misshandlung, niedriger Bildungsstand der Eltern, etc. Zwei Drittel dieser „Risiko-Kinder“ fielen als Jugendliche durch Lern- oder Verhaltensstörungen auf, wurden straffällig bzw. psychiatrisch auffällig. Zugleich entwickelte sich ein Drittel dieser Kinder erstaunlich positiv. Sie waren erfolgreich in der Schule, integriert ins soziale Leben und zeigten zu keinem Zeitpunkt der Untersuchung Verhaltensauffälligkeiten. Die grundlegende Erkenntnis aus dieser (und anderer) Studie(n) ist: Ungünstige (Start-) Voraussetzungen führen nicht zwingend zu Misserfolg im Leben. Warum? Weil resiliente Kinder (und Erwachsene) über bestimmte Eigenschaften und Strategien verfügen. Diese ermöglichen ihnen, an widrigen Umständen eben nicht zu zerbrechen.

Die sieben Resilienz-Schlüssel

Welche Strategien und Eigenschaften sind das? Die Resilienzforschung kennt sieben sogenannte Resilienzschlüssel:  

Akzeptanz

Die Fähigkeit, vergangene und aktuelle Erfahrungen anzunehmen und sich mit Unabänderlichem abzufinden.
  • Dies gelingt, wenn Erfahrungen, Entscheidungen und Handlungen aus der Vergangenheit als wichtige und hilfreiche Elemente für die eigene Persönlichkeitsentwicklung anerkannt werden. Wenn wir Vergangenes und Unveränderbares akzeptieren können, ist das Leben im Fluss – wir fühlen uns im Einklang.
  • Was Akzeptanz nie ist: den Kopf in den Sand stecken und resignieren. Die Kunst liegt darin zu erkennen, wann, wie und wie lange es Sinn macht zu kämpfen. Akzeptanz unterstützt uns dabei, auf der Grundlage dessen, was ist, die wichtigen Dinge anzugehen.
  • Radikale Akzeptanz: „Es ist wie es ist, weil es nicht anders sein kann. Sonst wäre es anders.“
 

Zuversicht

Die Fähigkeit, den positiven Dingen im Leben mehr Raum zu geben als den negativen und die eigenen Emotionen kontrollieren zu können. So lässt sich die Reaktion auf einen Auslöser bewusst steuern.
  • Mit Optimismus ist nicht gemeint, dass Sie mit einer rosa Brille durchs Leben gehen. Optimismus ist mehr eine positive Lebenseinstellung bzw. -haltung.
  • Optimistische Menschen richten ihren Fokus auf Dinge, die gut laufen. In schwierigen Situationen vertrauen sie darauf, dass es wieder besser wird.
 

Selbstwirksamkeit

Das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen, die Kenntnis der eigenen Bedürfnisse und die Fähigkeit, danach zu handeln.
  • Selbstwirksame Menschen halten sich für fähig, neue Dinge erfolgreich zu lernen, Einfluss zu nehmen und damit Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Dieser Resilienzschlüssel ist eng mit einem hohen Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl verbunden.
  • Der Psychologe Albert Bandura, der das Konzept der Selbstwirksamkeit erforschte, beschreibt die interne, generalisierte Kontrollüberzeugung als dessen wichtigste Komponente. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit sind davon überzeugt, dass sie ihre Erfolge selbst machen und dass diese wiederholbar sind.
 

Eigenverantwortung

Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen für eigene Entscheidungen und die Konsequenzen zu tragen, anstatt einen Schuldigen zu suchen.Das betrifft auch die Verantwortung für das eigene Wohlergehen: Wer eigenverantwortlich handelt, sorgt für sich.
  • Wer Verantwortung für das eigene Denken übernimmt, weiß, dass Denken ein Prozess ist. In diesem Prozess „bauen“ wir unsere subjektive Wirklichkeit. Unser Denken wird auch beeinflusst von automatischen Denkfehlern und tief verwurzelten Glaubenssätzen.
  • Daraus resultiert die Verantwortung für das eigene Handeln. Wer sich zugrundeliegender Denkprozesse bewusst ist, kann sich aus Denkmustern lösen. Situationen können leichter aus neuen Blickwinkeln betrachtet und Entscheidungen besser eingeschätzt werden. Wer weiß, dass die eigene Wahrnehmung nur eine von vielen möglichen ist, der/die braucht keine „Schuldigen“, sondern kann sich auf die Lösungsfindung konzentrieren.
 

Netzwerkorientierung

Die Fähigkeit, stärkende Beziehungen aufzubauen und zu halten.
  • Gute Beziehungen sind eine der wertvollsten Ressourcen für innere Widerstandskraft. Ein stabiles soziales Umfeld zu haben, Kontakte zu pflegen und sich bei Herausforderungen Unterstützung zu holen, sind gesunde Verhaltensweisen, auf die man in kritischen Situationen zurückgreifen kann.
  • Zu Aufbau und Pflege eines unterstützenden Netzwerks gehört eine Haltung des wohlwollenden Gebens und Nehmens. Manche Beziehung sind sehr nahe, in anderen fühlt sich mehr Distanz richtiger an. In einem gut funktionierenden Netzwerk finden Sie verschiedene Arten von Beziehungen und wissen, was Sie von der jeweiligen Beziehung erwarten können.
 

Lösungsorientierung

Die Kenntnis der eigenen Werte und die Fähigkeit, sich bei der Auswahl passender Lösungen daran zu orientieren und den Fokus auf das zu richten, was gut tut bzw. weiterbringt.
  • Bei lösungsorientiertem Denken und Handeln wird der Fokus auf gut funktionierende Dinge gelenkt, anstatt die Ursachen von Problemen zu suchen. Menschen mit Lösungsorientierung richten ihre Aufmerksamkeit auf Chancen und Alternativen und probieren immer wieder neue Dinge aus, wenn etwas nicht klappt.
  • Im zwischenmenschlichen Bereich heißt lösungsorientiertes Verhalten: sich nicht auf die negativen Emotionen und Beschwerden des Gegenübers fokussieren, sondern Verständnis signalisieren und dann nach einer Klärung suchen. Wenn kein Konsens hergestellt werden kann oder das Gegenüber blockiert, bedeutet lösungsorientiertes Verhalten auch, für sich selbst nach einem Ausweg aus der Situation zu suchen.
 

Zukunftsorientierung

Die Fähigkeit, kurzfristige Impulse zugunsten längerfristiger Ziele zu kontrollieren und eine klare Vorstellung von der eigenen Zukunft zu haben.
  • Um Ziele zu erreichen, braucht es viel Power – genauer gesagt, zwei Arten von Power: Willpower und Waypower. Die Willpower ist der starke Antrieb und Wunsch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Waypower hilft dann, die Planung umzusetzen, mit der wir das Ziel erreichen.
  • Um diese Power auch bei Rückschlägen beizubehalten, sind Prioritäten wichtig. Setzen Sie sich bewusst Ziele und überprüfen Sie immer wieder, ob Ihre Prioritäten sich geändert haben.

Testen Sie Ihre Resilienz

Wie schätzen Sie Ihre Stehaufmännchen-Qualitäten ein? Hier geht’s zum Test.
Es ist, wie es ist. Aber es wird, was du daraus machst.

Zusammenfassung

Resilienz beschreibt eine Entwicklung. Niemand ist von Haus aus resilient. Wir werden es durch das, was wir lernen. Und zwar ein Leben lang. Für Resilienz gibt‘s kein Patentrezept. Sie ist individuell und zeigt sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Strategien. Für den einen sind tragfähige Beziehungen wichtig. Familie und Freunde, auf die er sich verlassen kann. Für die andere ist es die Zuversicht. Das Glas halb voll und eben nicht halb leer zu sehen. Die gute Nachricht lautet: Resilienz lässt sich auf- und ausbauen. Und dazu gibt es ganz viele verschiedene Ansatzpunkte. Das heißt: Es ist nie zu spät, die eigene Resilienz zu stärken. Wo können Sie ansetzen?  

Zum Weiterlesen: Buchtipps

Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft von Christina Berndt (2015) Der resiliente Mensch von Rafael Kalisch (2017) Übungsbuch Resilienz von Fabienne Berg (2014) Das wirft mich nicht um von Jutta Heller (2015) Resilienz trainieren von Ulrich Siegrist (2018)
   

Besser Scheitern – vom konstruktiven Umgang mit Niederlagen (1/2)

Bei uns ist Scheitern oft ein Tabu – obwohl es zu jedem Leben dazu gehört. Dabei kann gerade das Versagen zum Erfolg führen, wenn wir es annehmen und seine Botschaft verstehen. Wie also kann ein konstruktiver Umgang mit Niederlagen aussehen?

Erinnern Sie sich noch an den missglückten „Elch-Test“ der Mercedes A-Klasse?

Gibt man bei Amazon das Stichwort „scheitern“ ein, spuckt das System knapp 2.000 Ergebnisse in der Kategorie Bücher aus. Beim Suchbegriff „Erfolg“ sind es über 60.000. Es gibt Erfolgsgeschichten, Erfolgsjournale, Erfolgsunternehmen – das volle Programm. Erfolg ist sexy, scheitern ist bäh. Allzu oft erleben wir Niederlagen – ganz besonders die schmerzhaften – als persönlichen Makel. Und der bleibt haften und trennt uns. Von den Menschen um uns herum und vor allem auch von uns selbst. Gibt es in USA etwa wie selbstverständlich Kongresse zum Thema Scheitern, wird bei uns hinter vorgehaltener Hand davon gesprochen. Wir geben uns stark, gestaltend und eben erfolgreich – beruflich wie privat. Für Scheitern bleibt da wenig Raum. Wer es doch tut, wird allzu schnell abgewertet. Und das als gesamte Person oder Organisation. Vernichtender geht es kaum.

Welche Gründe führen zum Scheitern?

Was hinter dem Scheitern steckt, beschrieb der deutsche Philosoph Karl Jaspers bereits vor fast 100 Jahren in seiner „Psychologie der Weltanschauungen“: Menschen geraten in ihrem Leben immer wieder in Grenzsituationen, in denen ihre Grundüberzeugungen über den Haufen geworfen werden. „In unserem Dasein sehen wir hinter den Grenzsituationen nichts anderes mehr“, erläutert Jaspers. „Sie sind wie eine Wand, an die wir stoßen, an der wir scheitern.“ Diese Worte haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Egal ob beruflich oder privat: Auch heute noch stoßen Menschen in ihrem Leben im übertragenen Sinn an eine Wand. Die Ziele, die sie sich gesetzt haben, können sie nicht mehr erreichen – sie scheitern. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manchmal scheitern Menschen, weil sie sich überschätzen, es nicht wahrhaben wollen und die Augen vor der Realität verschließen. Manchmal sind oder werden auch die äußeren Bedingungen ungünstig, ohne dass sie dafür verantwortlich sind.

Warum können wir vieles richtig machen und trotzdem scheitern?

Anders als dem Misserfolg haftet dem Begriff des Scheiterns die unangenehme Eigenschaft des Besiegelten an: Wer scheitert, strauchelt – und zwar gründlich und endgültig. Man scheitert nicht an banalen Kleinigkeiten, sondern am Hauptsächlichen, ohne die Chance auf einen zweiten Versuch. Aus und vorbei. Das macht das eigene Versagen so schmerzlich, so schwer einzugestehen. Schon etymologisch haben wir ein gespaltenes Verhältnis zu dem Begriff: Die Scheiter, das waren jene Brennholzstücke, die übrig bleiben, wenn ein Holzklotz in Stücke gehauen wurde. Sie wurden verbrannt und hinterließen allenfalls Asche. Entsprechend haben viele Gescheiterte den schwer erträglichen Eindruck, verbrannte Erde zu hinterlassen. Gefühle wie Ärger, Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Traurigkeit und vor allem Scham bahnen sich ihren Weg. Und je nach Dimension des Scheitern, füllen sie ganze Lebensbereiche aus. Ist ein Projekt gescheitert, leidet das berufliche Selbstverständnis. Ist eine Beziehung oder eine Ehe gescheitert, steht unter Umständen die komplette Lebensplanung zur Disposition. Schwer auszuhalten ist das.

Warum nenne wir es nicht beim Namen?

Allzu verständlich vor diesem Hintergrund ist die Tendenz, dem Scheitern auszuweichen. Unsere Fähigkeit, alles zu bewerten, hilft uns dabei. Und so werden verfehlte Ziele zu Beinahe-Erfolgen, aus verhunzten Strategien wird eine unglückliche Wende und eigenes Misswirtschaften in das Versagen des Marktes umgedeutet – alles aus Angst vor einer Blamage. Henry Ford erkannte einmal klug: „Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern.“ Er meinte das allerdings als Argument für das Scheitern. Fest steht: Umdeuten, wegschauen, verdrängen ist ein allzu verständliche Reflex auf den ersten Schock. Es ist ein schnell wirksames Mittel, den „emotionalen Hammer“ abzufedern und die Wucht der Niederlage überhaupt auszuhalten. Nachhaltig jedoch ist es nicht. Denn Scheitern ist wie Krebs: Je eher wir es erkennen, desto besser sind die Chancen, etwas zu retten.
„Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuche es wieder. Scheitere besser.“

Samuel Beckett


Ein Elch und seine Folgen

Zurück zum Elchtest von Mercedes. Im Oktober 1997 war ein Fahrzeug der neuen A-Klasse bei einem Fahrmanöver mit abruptem hin- und her Lenken einfach umgefallen. Die Häme in der Branche war groß, der Schock beim schwäbischen Autobauer noch größer. Ein Desaster, sollte die A-Klasse für den Konzern doch das neue Kompaktsegment erschließen. Die erste Reaktion war abwiegelnd. Es „Extremtest“ sei es gewesen, mit kaum realistischen Lenkbewegungen. Die Verantwortlichen wollten abwarten, bis sich die Wogen geglättet hatten. Bewegt hätte sich dadurch nichts. Die A-Klasse wäre unverändert weiter vom Band gelaufen. Dann die Kehrtwende: Die Produktion wurde gestoppt. Die A-Klasse bekam serienmäßig das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP), das bislang nur in der hochpreisigen S-Klasse eingebaut war. Mercedes-Kunden bekamen Stofftier-Elche, und in einer Werbekampagne wurde Tennisstar Boris Becker zitiert mit der Äußerung „Stark ist, wer keine Fehler macht. Stärker, wer aus seinen Fehlern lernt“. Was zunächst wie ein phänomenales Scheitern mit Imagedesaster aussah, wandelte sich zum Entwicklungstreiber für Mercedes – und den Wettbewerb. Denn ESP wurde zum Standard in der ganzen Branche, was die Fahrsicherheit nachhaltig erhöhte. Und die A-Klasse verkaufte sich weiterhin gut – ganz ohne Kipp-Gefahr.
„Erfolg ist die Fähigkeit, von einem Misserfolg zum anderen zu gehen, ohne seine Begeisterung zu verlieren.“

Winston Churchill


Schöner scheitern. Oder: Erfolg ist das, was wir daraus machen

Fehler zu machen, macht oftmals Angst. Angst vor den Konsequenzen, Angst vor Ablehnung und Spott. Und für manche Menschen ist diese Angst so groß, dass sie es gar nicht mehr versuchen. Ganz nach dem Motto: Wer nichts macht, macht keine Fehler. Der Preis für diese Strategie ist hoch: Stillstand. Wirklich scheitert nur derjenige, der es erst gar nicht versucht. Scheitern und Niederlagen treffen meist das Selbstwertgefühl mit aller Wucht. Nach einer Niederlage mit Begeisterung und Elan weiter zu machen, fällt den meisten von uns schwer. Dennoch: Fehler und die Erfahrungen daraus lassen uns persönlich wachsen. Kein Artist, kein Künstler, kein Sportler, kein Unternehmer, der nicht zig Fehler gemacht hätte – bis zur Meisterschaft. Wer sich Ziele setzt, riskiert, dass er das gewünschte Ergebnis verfehlt. Das Leben besteht nun mal nicht aus den Dingen, die uns passieren, sondern vielmehr aus dem, was wir daraus machen. Das heißt: Auf die Haltung kommt es an. Wenn das passiert, bezeichnet der eine das als Misserfolg. Beklagt die Umstände, das Schicksal, die ungerechte Welt, den bösen Chef. Sucht Gründe und fragt „Warum (ich)?“ Die andere sagt sich einfach: „Es ist nicht so gelaufen, wie ich es erwartet hatte.“ Scheitern ist (auch) eine Frage der Interpretation.
Quellen: https://www.wiwo.de/erfolg/trends/erfolgreich-scheitern-warum-wir-auch-mal-versagen-muessen/13629130.html https://karrierebibel.de/scheitern/ https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/20-jahre-elchtest-der-a-klasse-15255212.html