Achterbahn. Leben mit depressiven Angehörigen

Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und gedrückte Stimmung sind die typischen Anzeichen einer Depression. Angehörige Betroffener sind mit der Erkrankung häufig überfordert, denn der Umgang mit depressiven Menschen kostet viel Kraft. Das kann auch die eigene Lebensfreude trüben.

Lesen Sie in unserem aktuellen Beitrag, was Angehörige tun können, um der betroffenen
Person zu helfen. Und sich selbst.

Depression leben mit depressiven Angehörigen

 

Info & Input

Zwiespalt der Gefühle

Angehörige eines depressiven Menschen haben es nicht leicht. Zum einen wollen sie helfen, wissen aber oft nicht, was sie tun sollen. Dieser Zustand schwächt anstatt zu stärken, wie es in einer solchen Situation hilfreich wäre. Außerdem sind Angehörige von der Krankheit unmittelbar mitbetroffen: Es tut weh, einen geliebten Menschen leiden zu sehen.

So empfinden Angehörige häufig zwiespältige Gefühle gegenüber dem erkrankten Familienmitglied. Einerseits haben sie Verständnis und wollen es schützen. Andererseits sind sie wütend und frustriert, besonders, wenn durch das Verhalten der/des Kranken das ganze Familienleben durcheinanderkommt. Zwar weiß man, dass die Krankheit schuld daran ist – trotzdem ist es schwer auszuhalten.[1]


Eine häufige Diagnose

Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Insgesamt sind 8,2 %, d. h. 5,3 Mio. der erwachsenen Deutschen (18 – 79 Jahre) im Laufe eines Jahres an einer unipolaren oder anhaltenden depressiven Störung erkrankt. Diese Zahl erhöht sich noch einmal um Kinder und Jugendliche und Menschen über 79 Jahre, die in dieser Studie nicht erfasst sind, aber ebenfalls an Depression erkranken können.

Auf die Lebensspanne betrachtet, ist verschiedenen Studien zufolge etwa jeder 5. bis 6. Erwachsene einmal von einer Depression betroffen. Frauen erhalten eine Depressionsdiagnose doppelt so häufig wie Männer.[2] Fast jede zweite Frühverrentung beruht inzwischen auf der Diagnose Depression.[3]


Depression erkennen

Wenn mehrere der folgenden Anzeichen länger als 14 Tage anhalten, kann eine Depression vorliegen. Dann gilt es dringend, ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat einzuholen.

  • Gedrückte Stimmung
  • Interesse- und Freudlosigkeit
  • Antriebsmangel
  • Schnelle Erschöpfung
  • Konzentrationsmangel
  • Minderwertigkeits- und Schuldgefühle
  • Pessimistische Zukunftsgedanken
  • Appetitmangel oder gesteigerter Appetit
  • Einschlaf- und/oder Durchschlafprobleme
  • Suizidgedanken

Depression – ja oder nein?

Der Depressions-Check der Deutschen Depressionsliga gibt erste Anhaltspunkte.


Praxisteil

Licht am Ende des Tunnels

Der Umgang mit depressiven Angehörigen ist herausfordernd, keine Frage.

Schließlich verläuft das Leben der betroffenen Familien auf einmal anders als gedacht. Pläne und Wünsche bleiben auf der Strecke, und alle Beteiligten müssen schmerzliche Anpassungs- und Lernprozesse durchmachen.

Mit der nötigen Bewusstheit und gezielter Unterstützung – auch der Angehörigen – lässt sich nach einiger Zeit ein neues Gleichgewicht herstellen. Das jedenfalls ist die Erfahrung, die wir in unserer Beratung immer wieder machen.


Anregung 1: Depression als Erkrankung akzeptieren

Akzeptieren Sie die Depression als Erkrankung und informieren Sie sich.
Eine Depression ist eine mitunter schwerwiegende Erkrankung. Doch sie kann – das ist die gute Nachricht – bei frühzeitiger und gezielter Behandlung geheilt werden. Depression ist kein lebenslanges Schicksal. Deshalb gilt auch hier: Wissen ist Macht. Und wenn Sie sich (gemeinsam) mit der Krankheit auseinandersetzen, lässt sie sich besser bewältigen. Einen ersten Überblick und weitergehende Informationen finden Sie im Internet zum Beispiel auf folgenden Seiten:
Wie bei allen schweren Krankheiten sollten Sie so schnell wie möglich ärztlichen Rat einholen. Ergreifen Sie die Initiative, und vereinbaren Sie einen Arzttermin. Da depressiv erkrankte Menschen häufig die Schuld für ihr Befinden bei sich selbst suchen und nicht an eine Erkrankung denken, halten sie einen Arztbesuch oft nicht für nötig. Zudem fehlt vielen Erkrankten die Kraft, sich zu einem Arztbesuch aufzuraffen. Daher ist die Unterstützung der Angehörigen beim Gang zum Arzt oft sehr wichtig.

Anregung 2: Bleiben Sie geduldig

Viele depressiv Erkrankte äußern Klagen und Verzweiflung, oft ziehen sie sich auch von ihrer Umwelt zurück. Zeigen Sie Geduld mit der/dem Betroffenen. Erinnern Sie sie oder ihn stets daran, dass die Depression eine Erkrankung ist, die vorübergeht und sich gut behandeln lässt. Versuchen Sie nicht, die/den Erkrankten von der Grundlosigkeit aktueller Schuldgefühle zu überzeugen. Lassen Sie sich nicht auf Streit darüber ein, ob ihre/seine negative Sichtweise „objektiv“ gerechtfertigt sei oder nicht. Beides wird keinen Erfolg bringen.

Tun Sie die körperlichen Missempfindungen und Krankheitsängste der/des Depressiven nicht als übertrieben oder „nur psychisch bedingt“ ab, denn depressiv erkrankte Menschen dramatisieren ihr Erleben nicht. Es ist die Depression, die auch leichte Schmerzen oder Missempfindungen ins kaum Erträgliche steigert.


Anregung 3: Geben Sie keine gut gemeinten Ratschläge.

Es hat keinen Sinn, einem depressiv erkrankten Menschen zu raten, abzuschalten oder für ein paar Tage zu verreisen. Eine fremde Umgebung belastet Betroffene meist zusätzlich. Depression ist auch nicht durch Aktivitäten und schöne Erlebnisse zu heilen. Depressive Menschen sind in ihren negativen Gedanken und Gefühlen gefangen. Sie brauchen eine passende medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung.

Raten Sie Betroffenen nicht, „sich zusammenzureißen“ – ein*e Erkrankte*r kann diese Forderung nicht erfüllen. Der Ratschlag verstärkt möglicherweise sogar Schuldgefühle. Gleiches gilt für Versuche der Aufmunterung. Gute Ratschläge, die gesunden Menschen mit Problemen helfen könnten, fruchten bei Depressionen nicht. Sie setzen den Patienten oder die Patientin eher unter Druck. Keine Ratschläge zu erteilen, ist schwierig für Angehörige. Versuchen Sie es trotzdem – so gut es geht.

Sätze wie diese können Ihnen dabei helfen:

Tipps depressive Angehörige


Anregung 4: Bleiben Sie da

Machen Sie sich immer bewusst, dass depressiv Erkrankte die Realität in vielen Punkten durch die ‚depressive Brille‘ sehen und deshalb Entscheidungen treffen können, die sie nach überstandener Krankheit vielleicht ganz anders bewerten.

Das gilt auch für die Partnerschaft. Depression und Partnerschaft lassen sich oft nur unter großen Anstrengungen miteinander vereinen. Eine Partnerschaft lebt vom gegenseitigen Geben und Nehmen. Doch Menschen in einer depressiven Phase sind zwar stark auf Unterstützung angewiesen, aber kaum in der Lage, etwas zurückzugeben. Zumindest für die Dauer der Erkrankung.

Auch die Sexualität leidet. Bei depressiven Menschen erlischt oft das Interesse am Sex; sie weisen die sexuellen Bedürfnisse ihres Partners zurück. Das bedeutet nicht, dass Ihr depressiver Partner oder ihre depressive Partnerin Sie ablehnt, sondern ist Merkmal der Depression. Partnerschaft­ und Zuneigung werden in schweren depressiven Phasen sehr auf die Probe gestellt.

Auch wenn es schwerfällt: Bleiben Sie an der Seite der/des Betroffenen – ohne sie/ihn aus der Selbstverantwortung zu entlassen. Die Gewissheit, die Krise nicht alleine bewältigen zu müssen, ist für depressiv Erkrankte eine wichtige Stütze.


Anregung 5: Nehmen Sie Suizidgedanken ernst

Suizidgedanken oder -impulse sind ein häufiges Symptom bei Depression. Bei einer schweren Depression können Betroffene ihren Lebenswillen verlieren. Sie glauben nicht (mehr) daran, dass ihnen geholfen werden kann und sich ihr Zustand je wieder bessert. Rund 15 Prozent der depressiven Menschen begehen Suizid. Pro Jahr sind das rund 10.000 Todesfälle – weit mehr als etwa durch Verkehrsunfälle.
Deuten Betroffene solche Gedanken an, bedeutet das nicht automatisch, dass sie konkrete Pläne haben und diese auch ausführen. Andererseits ist die landläufige Meinung, „Wer davon spricht, tut es nicht“ falsch, denn ca. 80 Prozent aller Selbsttötungen werden angekündigt. Entsprechende Äußerungen sind deshalb immer ernst zu nehmen.
Alarmzeichen für einen drohenden Suizidversuch können sein:
  • wiederholte Äußerungen von Hoffnungs- und Sinnlosigkeit sowie das Ordnen persönlicher Angelegenheiten
  • eine deutlich verbesserte Stimmung ohne erkennbaren Grund (Die Entscheidung zum Suizid getroffen zu haben, kann für Betroffene eine so große Erleichterung sein, dass sie auf einmal gelöst und fast fröhlich erscheinen.)[4]

Was können Sie bei akuter Suizidgefährdung von Angehörigen tun?

Sprechen Sie das Thema an.
Wenn Sie den Verdacht haben, dass ein*e Angehörige*r suizidgefährdet ist, sprechen Sie sie/ihn ruhig und sachlich darauf an. Die Befürchtung, man könne dadurch den Suizid erst provozieren, ist falsch. In aller Regel stellt es für einen suizidgefährdeten Menschen eine Entlastung dar, mit einer anderen Person über die quälenden Gedanken sprechen zu können.

Sorgen Sie für den Menschen.
Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie für sie/ihn da sind. Übernehmen Sie in der akuten Situation Verantwortung und begleiten Sie die gefährdete Person zum Arzt oder in die Klinik. Nachts kann das die psychiatrische Notfallambulanz sein, aber auch der ärztliche Notdienst.

Wichtige Telefonnummern
Notarzt: 112 (europaweit)
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Kassenärztlicher Notdienst: 116 117


Anregung 6: Schauen Sie auch auf sich

Ist ein Mensch über Monate hinweg depressiv, belastet die Krankheit auch Sie als Angehörige*n. Wahrscheinlich müssen Sie zusätzliche Aufgaben im Alltag übernehmen. Oder die Situation löst starke Gefühle bei Ihnen aus. Unter Umständen fühlen Sie sich hilflos, ungeduldig, wütend oder auch schuldig. All diese Gefühle sind angemessen – mit ihnen umzugehen, ist dennoch schwierig. Schließlich kommen sie ja zur ohnehin belastenden Situation hinzu.

Deshalb brauchen nicht nur depressiv Erkrankte Hilfe, sondern auch ihre Angehörigen. Es gibt Unterstützung – scheuen Sie nicht, sie anzunehmen.

Wenden Sie sich zum Beispiel an die externe Mitarbeiterberatung in Ihrem Unternehmen.
Auch die Sozialpsychiatrischen Dienste (im Gesundheitsamt oder bei freien Trägern) sowie psychosoziale Beratungsstellen (Caritas, Diakonie etc.) bieten konkrete Hilfen oder zumindest entlastende Gespräche an. Unterstützend können auch Selbsthilfegruppen für Angehörige sein oder eine eigene psychotherapeutische Unterstützung.

 

Beratungsstellen für Angehörige[5]
  • Sozialpsychiatrische Dienste in Deutschland (ggfs. beim örtlichen Gesundheitsamt nachfragen)
  • Psychosoziale Beratungsstellen: Je nach Region und Thematik: Caritas, Diakonie, AWO, Deutsches Rotes Kreuz, Pro Familia und andere freie Träger sowie Studentenwerke für Studenten
  • Das SeeleFon des BApK: Beratung für Angehörige und Betroffene unter Tel. 01805 / 950951 und 0228 / 71002424, sowie per E-Mail an seelefon@psychiatrie.de

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Quellen:

[1]  Familien-Selbsthilfe-Psychiatrie, Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e. V. (2020). Psychisch erkrankt. Und jetzt? Information für Familien mit psychisch erkrankten Menschen.

[2] https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/was-ist-eine-depression/haeufigkeit (zuletzt aufgerufen am 22.05.2023)

[3] https://depressionsliga.de/depression-was-nun/#depressionerkennen (zuletzt aufgerufen am 22.05.2023)

[4] & [5]: https://depressionsliga.de/depression-was-nun/angehoerige/ (zuletzt aufgerufen am 22.05.2023)

Beitragsbild: Pexels

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