Wie Sie depressiven Angehörigen und sich selbst helfen

Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und gedrückte Stimmung sind die typischen Anzeichen einer Depression. Angehörige Betroffener sind mit der Erkrankung häufig überfordert, denn der Umgang mit depressiven Menschen kostet viel Kraft. Das kann auch  die eigene Lebensfreude trüben. Angehörige eines depressiven Menschen haben es nicht leicht. Zum einen wollen sie helfen, wissen aber oft nicht, was sie tun sollen. Dieser Zustand schwächt anstatt zu stärken, wie es in einer solchen Situation hilfreich wäre. Zum anderen sind Angehörige von der Krankheit unmittelbar mitbetroffen: Es tut weh, einen geliebten Menschen leiden zu sehen. Sein Verhalten kann allerdings auch belastende Gefühle auslösen. Was also können Angehörige oder Freunde tun, um der betroffenen Person und sich selbst zu helfen?

Was Sie wissen sollten

In Sachen Aufklärung und offener Umgang mit psychischen Erkrankungen hat sich in den letzten Jahren eine Menge getan. Zum Glück! Trotzdem fällt es vielen Menschen leichter zu sagen „Ich habe einen Bandscheibenvorfall“ als „Ich habe eine Depression“. Gleiches gilt für ihre Angehörigen. Psychische Erkrankungen lassen sich oftmals schlecht „fassen“, sie sind nicht direkt sichtbar. Das macht Angst und erschwert den Umgang damit. Vor diesem Hintergrund gilt umso mehr:

  • Jeder Mensch kann psychisch erkranken, genauso wie jeder Mensch auch körperlich erkranken kann.
  • Psychische Erkrankungen sind behandelbar, genauso wie körperliche Behandlungen auch.
  • Es gibt keine eindeutigen Ursachen für psychische Erkrankungen, sondern es wirken verschiedene Faktoren zusammen.
  • Psychisch Erkrankte verfügen häufig über ein hohes kreatives Potential und sind sehr sensible Menschen. Bei einer psychischen Erkrankung kann es allerdings vorkommen, dass die Fähigkeit, das intellektuelle Potential zu aktivieren, gemindert ist.
  • Je früher eine Therapie beginnt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung nicht chronisch wird.

Was also können Sie als Angehörige(r) tun?

 

Akzeptieren Sie die Depression als Erkrankung und informieren Sie sich

Eine Depression ist eine mitunter schwerwiegende Erkrankung und sie kann – das ist die gute Nachricht – bei frühzeitiger und gezielter Behandlung geheilt werden. Depression ist kein lebenslanges Schicksal. Deshalb gilt auch hier: Wissen ist Macht. Und wenn Sie sich (gemeinsam) mit der Krankheit auseinandersetzen, lässt sie sich besser bewältigen.

Einen ersten Überblick und weitergehende Informationen finden Sie im Internet auf folgenden Seiten:

Patienten-Information

Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Gesundheitsinformation gi

 

Ziehen Sie einen Arzt zu Rate

Wie bei allen schweren Krankheiten sollten Sie so schnell wie möglich ärztlichen Rat einholen. Ergreifen Sie die Initiative und vereinbaren Sie für den Kranken einen Arzttermin. Da depressiv erkrankte Menschen häufig die Schuld für ihr Befinden bei sich selbst suchen und nicht an eine Erkrankung denken, halten sie einen Arztbesuch oft nicht für nötig. Weil Hoffnungslosigkeit zur Depression gehört wie Schnupfen zur Grippe, glauben viele Betroffene auch nicht, dass ihnen überhaupt geholfen werden kann. Auch fehlt vielen Erkrankten die Kraft, sich zu einem Arztbesuch aufzuraffen. Daher ist die Unterstützung der Angehörigen beim Gang zum Arzt oft sehr wichtig.

 

Bleiben Sie geduldig

Viele depressiv Erkrankte äußern Klagen und Verzweiflung, oft ziehen sie sich auch von ihrer Umwelt zurück. Zeigen Sie Geduld mit der/dem Betroffenen. Erinnern Sie ihn stets daran, dass die Depression eine Erkrankung ist, die vorübergeht und sich gut behandeln lässt. Versuchen Sie nicht, den Erkrankten von der Grundlosigkeit seiner Schuldgefühle zu überzeugen. Lassen Sie sich nicht auf Streit darüber ein, ob seine negative Sichtweise „objektiv“ gerechtfertigt sei oder nicht. Beides wird keinen Erfolg bringen.

Tun Sie die körperlichen Missempfindungen und Krankheitsängste des Depressiven nicht als übertrieben oder „nur psychisch bedingt“ ab, denn depressiv erkrankte Menschen dramatisieren ihr Erleben nicht. Es ist die Depression, die auch leichte Schmerzen oder Missempfindungen ins kaum Erträgliche steigert. Wenden Sie sich nicht von Ihrem erkrankten Angehörigen ab, auch wenn er Ihnen noch so abweisend erscheint. Für den Erkrankten da zu sein – ohne Meinung und Urteil – ist eines der wichtigsten Geschenke, das Sie machen können.

 

Seien Sie zurückhaltend mit gut gemeinten Ratschlägen

Es hat keinen Sinn, einem depressiv erkrankten Menschen zu raten, abzuschalten oder für ein paar Tage zu verreisen. Eine fremde Umgebung belastet den Betroffenen meist zusätzlich. Depression ist auch nicht durch Aktivitäten und schöne Erlebnisse zu heilen. Depressive Menschen sind in ihren negativen Gedanken und Gefühlen gefangen und benötigen daher eine gute medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung.

Raten Sie Betroffenen nicht, „sich zusammenzureißen“ – ein Erkrankter kann diese Forderung nicht erfüllen. Der Ratschlag verstärkt möglicherweise sogar Schuldgefühle. Gleiches gilt für Versuche der Aufmunterung. Gute Ratschläge, die gesunden Menschen mit Problemen helfen könnten, fruchten bei Depressionen nicht. Sie setzen den Patienten eher unter Druck. Keine Ratschläge zu erteilen, ist eine schwierige Aufgabe für Angehörige. Versuchen Sie es trotzdem – so gut es geht.

Und unterstützen Sie Ihre(n) Angehörige(n), wann immer sie/er Eigeninitiative zeigt. Sätze wie die diese können dabei helfen:

„Du bist mir/uns wichtig.“
„Ich nehme deine Erkrankung ernst.“
„Komm’ mal in meinen Arm.“
„Wir schaffen das zusammen.“
„Ich bin für dich da.“
„Es ist okay.“
„Du bist nicht allein.“
„Kann ich dich unterstützen?“ (z. B. zum Arzt begleiten?)
„Du bist stark.“
„Nicht schlimm, wenn heute nichts geht.“
„Ich gebe mir Mühe, die Erkrankung zu verstehen.“
„Es ist nicht deine Schuld.“

 

Treffen Sie keine wichtigen Entscheidungen

Machen Sie sich immer bewusst, dass depressiv Erkrankte die Realität in vielen Punkten durch die „depressive Brille“, das heißt verzerrt sehen und deshalb Entscheidungen treffen können, die sie nach überstandener Krankheit vielleicht ganz anders bewerten. Berücksichtigen Sie dies in allen Angelegenheiten, die die private oder berufliche Zukunft betreffen.

Das gilt auch für die Partnerschaft. Depression und Partnerschaft lassen sich oft nur unter großen Anstrengungen miteinander vereinen. Eine Partnerschaft lebt vom gegenseitigen Geben und Nehmen. Doch Menschen in einer depressiven Phase sind zwar stark auf Unterstützung angewiesen, aber kaum in der Lage, etwas zurückzugeben. Zumindest für die Dauer der Erkrankung.

Auch die Sexualität leidet. Bei depressiven Menschen erlischt oft das Interesse am Sex; sie weisen die sexuellen Bedürfnisse ihres Partners zurück. Das bedeutet nicht, dass ihr depressiver Partner Sie ablehnt, sondern ist Merkmal der Depression. Partnerschaft und Zuneigung werden in schweren depressiven Phasen sehr auf die Probe gestellt.

Auch wenn es schwerfällt: Bleiben Sie an der Seite der/des Betroffenen – ohne sie/ihn aus der Selbstverantwortung zu entlassen. Die Gewissheit, die Krise nicht alleine bewältigen zu müssen, ist für depressiv Erkrankte eine wichtige Stütze.

 

Nehmen Sie Suizidgedanken ernst

Suizidgedanken oder -impulse sind ein häufiges Symptom bei Depression. Sie machen die Erkrankung potenziell lebensbedrohlich. Bei einer schweren Depression können Betroffene den Wunsch zu leben verlieren. Sie glauben nicht (mehr) daran, dass ihnen geholfen werden kann und sich ihr Zustand je wieder bessert. Wenn Menschen mit einer Depression davon sprechen, sich das Leben zu nehmen, sollten Sie das immer ernst nehmen. Immerhin begehen 15 Prozent der depressiven Menschen Suizid. Pro Jahr sind das rund 10.000 Todesfälle – weit mehr als etwa durch Verkehrsunfälle.

Wenn ein Mensch unmittelbar von Suizid bedroht ist, er aber nicht (mehr) über ein Gespräch erreichbar und nicht bereit ist, gemeinsam Hilfe aufzusuchen, sollte zu seinem Schutz der Notarzt verständigt werden. Bitte berichten Sie dem Notarzt genau von der Situation und lassen Sie den betroffenen Menschen bis zum Eintreffen des Notarztes nicht allein.

Das Wichtigste ist, Zeit zu gewinnen, da der Wunsch zu sterben fast immer ein vorübergehender Zustand ist und auch in schwierigen Lebenssituationen der Lebensmut zurückkehrt.


Was können Sie tun, wenn Sie einen akut suizidgefährdeten Menschen kennen?

Sprechen Sie das Thema an.

Wenn Sie den Verdacht haben, dass ein Angehöriger suizidgefährdet ist, sollten Sie ihn ruhig und sachlich darauf ansprechen. Die Befürchtung, man könne dadurch den Suizid erst provozieren, ist falsch. In aller Regel stellt es für einen suizidgefährdeten Menschen eine Entlastung dar, mit einer anderen Person über die quälenden Gedanken sprechen zu können.


Sorgen Sie für den Menschen.

Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie für ihn da sind. Übernehmen Sie in der akuten Situation Verantwortung für den anderen. Begleiten Sie die gefährdete Person zum Arzt oder in die Klinik. Nachts kann das die psychiatrische Notfallambulanz sein, aber auch der ärztliche Notdienst.


Wichtige Telefonnummern

  • Notarzt: 112 (europaweit)
  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (D) bzw. 142 (AT)
  • Kassenärztlicher Notdienst: 116117 (D), 141 (AT)
  • Bereitschaftsdienst der stg-Mitarbeiterberater (rund um die Uhr erreichbar): Die Telefonnummer haben Sie von ihrem Arbeitgeber bekommen.

Last but not least: Schauen Sie auf sich

Ist ein Mensch über Monate hinweg depressiv, belastet die Krankheit auch Sie als Angehörigen. Wahrscheinlich müssen Sie zusätzliche Aufgaben im Alltag übernehmen. Oder die Situation löst starke Gefühle bei Ihnen aus. Unter Umständen fühlen Sie sich hilflos, ungeduldig, wütend oder auch schuldig. All‘ diese Gefühle sind angemessen – mit ihnen umzugehen, ist dennoch schwierig. Schließlich kommen sie ja zu der ohnehin belastenden Situation hinzu.

Deshalb brauchen nicht nur depressiv Erkrankte Hilfe, sondern auch ihre Angehörigen. Es gibt Unterstützung – scheuen Sie nicht, sie anzunehmen. Wenden Sie sich zum Beispiel an die stg-Mitarbeiterberater. Unsere Kolleginnen und Kollegen sind auch für Sie Angehörige da und helfen Ihnen, gut durch die schwierige Situation zu kommen.

Vielfältige Unterstützung bietet daneben der deutsche Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) bzw. der Verein HPE Österreich (Hilfe für Angehörige und Freunde psychisch Erkrankter)


Hier finden Sie weitere Informationen

Ratgeber

Mit dem schwarzen Hund leben: Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Johnstone, A. & Johnstone, M. (2009), München: Kunstmann Verlag.

 

Dokumentation

„Planet Wissen: Mit Depressionen leben“: Thomas Müller-Rörich führt ein Musterleben: Er ist selbstständig, glücklich verheiratet, Vater von zwei Kindern – bis sich plötzlich eine diffuse Angst einstellt. Der Unternehmer entfremdet sich von seiner Familie, kann sich mit Frau und Kindern nicht mehr freuen. Die Diagnose: Depression.

 

Online-Programm: Familiencoach Depression

In diesem Angebot der AOK finden Familienmitglieder und Freunde depressiv erkrankter Menschen ein Online-Programm mit vielen Übungen und Videos. Es zeigt, wie Sie den Erkrankten unterstützen und mit Krisen umzugehen können, ohne sich dabei selbst zu überfordern.


Quellenangaben:

deutsche-depressionshilfe.de

 

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